Kurzchronik der Internationalen Jugendbibliothek

Die Internationale Jugendbibliothek (IJB) geht auf eine internationale Jugendbuchausstellung zurück, die vom 3. Juli bis 3. August 1946 in München im Haus der Kunst stattfand und anschließend durch verschiedene Städte Deutschlands tourte. Jella Lepman (1891 – 1970) war die Initiatorin, eine aus Stuttgart stammende, in den dreißiger Jahren aus Deutschland emigrierte Jüdin. Sie hatte sich damals in England nieder gelassen, übte ihren journalistischen Beruf weiter aus und kam 1945, unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, in das zerstörte Deutschland zurück. Die Amerikaner hatten sie eingestellt für besondere Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit, als Beraterin für Frauen- und Jugendfragen.

Die Ausstellungsbücher waren der Grundbestand der sodann 1949 ins Leben gerufenen Internationalen Jugendbibliothek. Anfangs im Prinz-Carl-Palais und bald in der Kaulbachstraße 11a untergebracht, wuchs die IJB zu einer in der ganzen Welt einzigartigen Spezialbibliothek für Kinder- und Jugendliteratur.

Als juristische Basis wurde am 15. Dezember 1948 im Prinz Carl Palais die „Vereinigung der Freunde der Internationalen Jugendbibliothek“ gegründet. Die feierliche Eröffnung der Internationalen Jugendbibliothek konnte am 14. September 1949 in der Kaulbachstraße 11a in München-Schwabing begangen werden.

In den folgenden Jahren wurden die organisatorischen Grundlinien der Bibliothek gelegt. Jella Lepman fungierte als Beraterin. Mit den wachsenden Aufgaben wurde jedoch auch der Ruf nach einem ständig anwesenden Direktor immer lauter. Man einigte sich auf Walter Scherf, der am 1. April 1957 seinen Dienst antrat. Er hatte die Leitung bis zu seinem Ruhestand am 30. April 1982 inne.

„Ende 1970“, schreibt Eva-Maria Ledig in ihrem Buch „Eine Idee für die Kinder“, „war das Haus fast funktionsuntüchtig, unübersichtlich, vollgestopft mit Büchern, die Mitarbeiter arbeiteten in drangvoller Enge. Wenn man durch die Räume ging, hatte man ein bedrückendes Gefühl. Hier war die Zeit stehen geblieben.“

Bereits Ende 1961 hatte das Bayerische Staatsministerium mitgeteilt, dass sich die IJB nach einer anderen Unterkunft umsehen solle. Eine 1974 durch den Staat angedrohte Zwangsräumung brachte den Vorstand der IJB dann in Zugzwang.

Schloss Blutenburg als möglicher künftiger Sitz wurde erstmals am 19. Juli 1974 auf Vorschlag des damaligen Vorsitzenden Wolfgang Vogelsgesang im Vorstand der IJB diskutiert. Es folgten heftige Diskussionen um den möglichen Bibliothekssitz im Münchner Westen. Am 24. Mai 1977 stimmte die Mitgliederversammlung der Bibliothek mit 77 : 33 Stimmen Schloss Blutenburg als neuem Sitz zu. Dann ging es recht schnell: Am 24. Juli 1979 konnte die Bayerische Verwaltung staatlicher Schlösser, Gärten und Seen die Haushaltsunterlage Bau vorlegen, am 19. Juli 1980 fand der erste Spatenstich statt, am 16. Juni 1983 – nicht ganz zufällig der 51. Geburtstag von Wolfgang Vogelsgesang – konnte die IJB in einem feierlichen Festakt die Eröffnung in Schloss Blutenburg feiern (Nachruf auf Wolfgang Vogelsgesang (1932 - 2000) siehe unten).

Anfang der 1990er Jahre wurde auf verschiedenen Ebenen Strukturänderungen der Bibliothek diskutiert. Auslöser hierfür war ein Bericht des Bundesrechnungshofes an das zuständige Bonner Ministerium. Mit einer Änderung der Vereinssatzung in der Mitgliederversammlung vom 7. Februar 1992 wurden daraufhin Leitungsaufgaben, die bisher vom Präsidium wahrgenommen wurden, in die Bibliothek hinein verlagert. Die formale und fachliche Kompetenz der Direktion wurde gestärkt. Am 1. September 1992 trat Dr. Barbara Scharioth ihr Amt als geschäftsführende Direktorin an, der bisherige Direktor Dr. Andreas Bode, der die Bibliothek seit Einzug in Schloss Blutenburg im Jahr 1983 leitete, blieb in leitender Funktion bis zu seinem Ausscheiden 2007 für die IJB tätig.

Eine weitere wesentliche Änderung erfuhr die Struktur der IJB wenige Jahre später. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung vom 23. März 1995 beschäftigte sich der Verein IJB eingehend  mit der Umwandlung der Trägerschaft der Bibliothek in eine Stiftung.

Am 14. Juli 1995 stimmte die Mitgliederversammlung des Vereins  der Übertragung der Jugendbibliothek auf eine neue Stiftung zu, nachdem Präsidiumsmitglied Christa Spangenberg (verstorben 18.09.2003) ein Stiftungskapital zur Verfügung gestellt hatte. Die Stiftung wurde am 21. September 1995 gegründet, die Übertragung der Bibliothek erfolgte zum 24. Januar 1996.

Der Verein besteht als Förderverein weiterhin fort und ist bestrebt, der Bibliothek Projekte zu ermöglichen, die durch Stiftungsmittel und die Förderung durch die öffentliche Hand nicht gedeckt sind. 

Vorsitzende bzw. Präsidenten der IJB, Vorstände des Fördervereins IJB, Stiftungsratsvorstände und Direktoren der IJB finden Sie in nachfolgenden Übersichten.

 

 

Vorsitzende / Präsidenten des Vereins Internationale Jugendbibliothek

  • 15.12.1948 – 27.07.1949:
    Dr. Franz Stadelmayer, Jurist und erster kommisarischer Bürgermeister von München mit einer Amtszeit von 4 Tagen, später OB von Würzburg
  • 27.07.1949 – 23.04.1958:
    Dr. Heinrich Lades, Bayerisches Kultusministerium, Leiter des Bayerischen Landesjugendamtes, ab 1950 im Bundesministerium des Innern tätig
  • 23.04.1958 – 28.04.1970:
    Prof. Anton Fingerle, Stadtschulrat
  • 28.04.1970 – 10.05.1973:
    Carl Amery, Schriftsteller
  • 10.05.1973 –  13.07.1992:
    Wolfgang Vogelsgesang, Stadtrat der Landeshauptstadt München
  • 13.07.1992 – 24.01.1996  :
    Christa Spangenberg, Verlegerin

  

Die Übertragung der Internationalen Jugendbibliothek vom Verein auf die im September 1995 gegründete Stiftung Internationale Jugendbibliothek erfolgte zum 24.01.1996.

 

 

Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek e.V.

In seiner Sitzung am 23. März 1995 beschloss der bisherige Trägerverein der Internationalen Jugendbibliothek die Überführung der Bibliothek in eine Stiftung. Die Übertragung erfolgte zum Jahresbeginn 1996. Der Verein soll allerdings weiterhin bestehen bleiben und die Ziele der IJB fördern. Zur besseren Differenzierung erfolgte eine Umbenennung des Vereins in "Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek e.V."

  

  • 1996 - 24.07.2001
    Vorsitzender: Gerd F. Rumler
    Stellvertreter: Hans Ries
    Kassier: Herr Ringler
    Beisitzer: Frau Koppe, Dr. Christoph Schwingestein
    Kassenprüfer: Eva Rehm, Frieder Vogelsgesang
     
  • 24.07.2001 – 29.09.2004:
    Vorsitzender: Dieter Ganzenmüller
    Stellvertreter: Dr. Christoph Schwingestein
  • Kassier: Hans Ries
    Beisitzer: Willi Fries, Kirsten Rickmers-Liebau
    Kassenprüfer: Eva Rehm, Frieder Vogelsgesang
      
  • 29.09.2004 – 24.06.2007:
    Vorsitzender: Peter Nickl
    Stellvertreter: Gerd F. Rumler
    Kassier: Barbara Kandler
    Beisitzer: Walter Mirbeth, Hansjörg Weitprecht
    Kassenprüfer: Eva Rehm, Frieder Vogelsgesang
     
  • 24.06.2007 – 22.07.2010:
    Vorsitzender: Peter Nickl
    Stellvertreter: Gerd F. Rumler
    Kassier: Barbara Kandler
    Schriftführer: Walter Mirbeth
    Beisitzer: Henning Schroedter-Albers
    Kassenprüfer: Eva Rehm, Frieder Vogelsgesang
     
  • 22.07.2010 – 04.07.2013:
    Vorsitzender: Peter Nickl
    Stellvertreter: Gerd F. Rumler
    Kassier: Barbara Kandler
    Schriftführer: Walter Mirbeth
    Beisitzer: Henning Schroedter-Albers
    Kassenprüfer: Eva Rehm, Frieder Vogelsgesang
     
  • 04.07.2013 – 2016:
    Vorsitzender: Henning Schroedter-Albers
    Stellvertreter: Gudrun Lehmann-Scherf
    Kassier: Barbara Kandler
    Schriftführer: Carmen Winklmüller
    Beisitzer: Ole Schultheis
    Kassenprüfer: Eva Rehm, Frieder Vogelsgesang
  •  

 

Vorstand der Stiftung Internationale Jugendbibliothek

  • seit Übertragung der Trägerschaft auf die Stiftung am 24.01.1996 bis 2005:
    Christa Spangenberg (Vorsitzende, † 18.09.2003)
    Prof. Dr. h.c.mult. Klaus G. Saur
    Dr. Barbara Scharioth
  • Nachfolger der verstorbenen Vorstandsvorsitzenden Christa Spangenberg seit September 2003:
    Peter Nickl

  • 2005 bis 31. März 2011:
    Peter Nickl (Vorsitzender)
    Dr. Barbara Scharioth
    Prof. Dr. Helga Reimann

  • Am 1. April 2011 wurde folgender Stiftungsvorstand neu gewählt:
    Nikolaus Turner (Vorsitzender)
    Dr. Christiane Raabe
    Dr. Barbara Scharioth

 .

 

Direktion der Internationalen Jugendbibliothek

  • bis 1957 leitete Jella Lepman die IJB
  • 01.04.1957 - 30.04.1982: Dr. Walter Scherf
  • 01.05.1982 - 14.05.1983: Wolfgang Vogelsgesang (kommissarisch)
  • 15.05.1983 - 31.08.1992: Dr. Andreas Bode, der im Anschluss bis 2007 weiterhin in leitender Funktion der IJB tätig war,  
    ihm zur Seite stand
  • 1983 - 30.11.1991 Lioba Betten als stellvertretende Direktorin
  • 01.09.1992 - 31.03.2007: Dr. Barbara Scharioth,
    zunächst als geschäftsführende Direktorin,
    seit 1996 als Direktorin und Vorstandsmitglied
  • seit 01.04.2007: Dr. Christiane Raabe

 

 

 

Wolfgang Vogelsgesang zum Gedenken


Dr. Barbara Scharioth, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek
in: IJB-Report Ausgabe 1/2000 (Juli 2000)

 

Am 8. April 2000 verstarb Wolfgang Vogelsgesang nach langer, schwerer Krankheit. Die Internationale Jugendbibliothek verdankt ihm viel, hat er doch 19 Jahre lang der Bibliothek ehrenamtlich gedient: von 1973 bis 1982 als Vorsitzender, dann bis 1992 als Präsident des Trägervereins.
Letztes Jahr, anlässlich des Bibliotheksjubiläums im September, hat Wolfgang Vogelsgesang die Umstände, die zur Übernahme dieses Amtes führten, launig vorgetragen: Kulturreferent Dr. Herbert Hohenemser hatte den Stadtrat (1969 – 1990) Vogelsgesang gelobt für seine Mitarbeit im Verwaltungsbeirat der Städtischen Bibliotheken der Landeshauptstadt München, um ihm anschließend die Nachfolge Carl Amerys als Vorsitzenden des Vereins Internationale Jugendbibliothek anzutragen. Wie das immer so ist, wurden die Aufgaben heruntergespielt und Wolfgang Vogelsgesang sagte zu. Und wie das weiterhin stets so ist, wurde zumindest ein Problem dieses Amtes ihm erst allmählich sichtbar.

 
Wolfgang Vogelsgesang am 16. Mai 1996 beim Weinfest der Südlichen Weinstraße in Schloss Blutenburg

Der Internationalen Jugendbibliothek war seit langem vom Bayerischen Kultusministerium in der Kaulbachstraße gekündigt worden, und die Bibliothek hatte sich bereits jahrelang erfolglos um ein anderes Gebäude bemüht. Bei der ehemaligen Mitarbeiterin von Jella Lepman und späteren, langjährigen Schatzmeisterin des Vereins, Eva-Maria Ledig, kann man nachlesen (in: Eine Idee für die Kinder, 1988), wie schwierig es war, die Zustimmung der Mitglieder des Trägervereins für einen Umzug nach Schloss Blutenburg zu gewinnen. Besonders die Randlage im Westen Münchens sprach gegen den Umzug. 1977 fasste die Mitgliederversammlung schließlich den entscheidenden Beschluss für den Umzug. Damit konnten die Vorarbeiten für die Geldbeschaffung beginnen. Von den rund 20 Millionen DM Ausbaukosten beschaffte die Internationale Jugendbibliothek, und damit ihr Vorsitzender, immerhin 16 Millionen für den bibliotheksgerechten Ausbau. Viereinhalb Millionen kamen von der Schlösser- und Seenverwaltung für Sanierungsaufwendungen hinzu. Auch der Verein der Freunde Schloss Blutenburg e.V., den Wolfgang Vogelsgesang 1974 gegründet hatte, half nach Kräften. Ohne die Bibliothek als Mieter wäre die Renovierung des Schlosses nicht gelungen. 1980 wurde der erste Spatenstich getan, und im Juni 1983 konnte die Eröffnung gefeiert werden. Die Frage des richtigen Standortes für die Bibliothek hatte sich schon bald nach dem Umzug erledigt. Heute präsentiert sich Schloss Blutenburg als weltweit einziges „Bücherschloss“ für Kinder- und Jugendliteratur. Zum Ende seiner Präsidentschaft 1992 ließ das Präsidium des Vereins Internationale Jugendbibliothek im Eingang zur Walter-Trier-Galerie eine Tafel in die Wand einlassen, die auf Wolfgang Vogelsgesangs Verdienste hinweist und stets an sein großes Engagement erinnern wird.
In den Jahren seit 1992 hat der Verein der Freunde Schloss Blutenburg, dessen Vorsitzender Wolfgang Vogelsgesang bis zuletzt blieb, stets nicht unbeträchtliche Summen zur Förderung der Bibliotheksarbeit, besonders für das Programm für Kinder und Jugendliche, bereitgestellt, zuletzt beim Jubiläumsfest im September 1999. Und, wie es Wolfgang Vogelsgesangs Art war, hat er mir zusammen mit einem Scheck ein historisches Märchenbuch von Thea von Harbou aus seiner Privatsammlung übergeben mit dem beziehungsreichen Titel „Von Engeln und Teufelchen“ – „Nicht dass einer meint, es gäbe da einen Bezug!“ – das waren seine Worte. Natürlich hatte er die Lacher auf seiner Seite.
Im Gedenken an Wolfgang Vogelsgesangs Engagement für das Schloss und die Internationale Jugendbibliothek sage ich im Namen aller Gremien und Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek nochmals: Herzlichen Dank, Wolfgang Vogelsgesang, Ihre Arbeit bleibt unvergessen!

 

Quellen und weiterführende Literatur

Ledig, Eva-Maria: „Eine Idee für die Kinder – Die Internationale Jugendbibliothek in München“. Erasmus Grasser-Verlag, München 1988.

Lepmann, Jella: „Die Kinderbuchbrücke“. Sonderauflage für den Verein IJB e.V., o.V. München 1999.

Vogelsgesang, Wolfgang: „Die Internationale Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg“, in: Vogelsgesang, Wolfgang (Hrsg.) „Blutenburg – Das Schloss und sein Umfeld in Geschichte und Gegenwart“, Erasmus Grasser-Verlag, Wielenbach 1992

Schriftenreihe „Obermenzinger Hefte“